Vom SD-Kartenfund zum KI-HDR
Was sich aus alten Fotobeständen noch herausholen lässt – mit gezielter Vorauswahl, klassischer RAW-Verarbeitung und klar gekennzeichneten generativen Varianten.

Acht Jahre später
Auf einer SD-Karte tauchten 260 Island-Fotos aus dem Jahr 2018 auf. Darunter lagen gezielt fotografierte Belichtungsreihen, die irgendwann zu HDR-Bildern werden sollten. Dieses «irgendwann» dauerte acht Jahre.
Statt mehrere Gigabyte RAW-Dateien blind zu übertragen, entstand ein gestufter Ablauf: kleine JPGs für die Sichtung, nur die passenden CR2-Dateien für die hochwertige Verarbeitung, klassische HDR-Master als dokumentarische Basis und generative KI für bewusst gekennzeichnete Stilvarianten.
Das Ergebnis in Kürze
- 260 JPG-Dateien dienten zur schnellen Analyse.
- Fünf brauchbare Belichtungsreihen wurden identifiziert.
- Nur 22 passende CR2-Dateien mussten übertragen werden.
- Daraus entstanden fünf klassische HDR-Master.
- Frühere eigene HDR-Bearbeitungen lieferten die Stilreferenz.
- Generative KI erzeugte zusätzliche, deutlich expressivere Varianten.
Wer nur die entscheidende Grenze sehen möchte, kann direkt zu Beim Wasserfall ging die KI deutlich weiter springen.
Erst sichten, dann RAW laden

Die Bilder stammen von einer Canon EOS 700D. Für die Vorauswahl wurden Dateinummern, Aufnahmezeiten, EXIF-Daten, Verschlusszeiten, Bildausschnitte und sichtbare Helligkeitsstufen kombiniert. Auch Bewegungen in Wasser, Wolken oder Fahrzeugen spielten eine Rolle: Eine Belichtungsreihe hilft wenig, wenn die Einzelbilder nicht mehr sauber zusammenpassen.
Aus dem Bestand wurden fünf Reihen mit insgesamt 22 CR2-Dateien priorisiert: vier Dateien für HDR-03, fünf für HDR-04, fünf für HDR-06 sowie je vier für HDR-07 und HDR-08. Die KI ersetzte dabei nicht die Originaldaten. Sie half, die wenigen Originale zu finden, bei denen sich die aufwendigere Verarbeitung lohnte.
Fünf klassische HDR-Master

Die eigentliche HDR-Erzeugung war nicht generativ. Die CR2-Dateien wurden linear mit 16 Bit Farbtiefe entwickelt, exakt ausgerichtet und anhand ihrer realen Verschlusszeiten zusammengeführt. Bewegte Bereiche wurden so robust wie möglich behandelt, danach folgten Weissabgleich, Farbtransformation, lokales Tonemapping und eine moderate Schärfung.

Die fünf Master basieren auf den tatsächlichen RAW-Aufnahmen und bewahren die ursprünglichen Szenen. Beim Wasserfall blieb die Bewegungsunschärfe der Langzeitbelichtung bewusst erhalten. Himmel, Berghänge und Vordergrund erhielten mehr Zeichnung, ohne neue Objekte zu erfinden.
Mein alter HDR-Geschmack war noch auffindbar

Aus früheren eigenen Bearbeitungen war ziemlich klar, welche Bildwirkung ich mochte: kräftiger lokaler Kontrast, strukturierte Wolken, deutlich getrennte Mitteltöne, warme Erd- und Felsfarben, kühlere Himmel sowie viel sichtbare Textur. Neutral war damals offenbar nicht das oberste Ziel.
Zwei alte HDRs dienten als Stilreferenz. Zuerst wurde das Motiv mit dem Wohnmobil neu interpretiert. Die KI-Variante erhielt stärkere Wolkenzeichnung, tiefere Schwarztöne, mehr Mikrokontrast und kräftigere Farben. Sie trifft den früher bevorzugten «Pop» wesentlich besser als der zurückhaltend entwickelte Master.

Klassisches HDR und generative Variante sind nicht dasselbe
Nach dem ersten Versuch wurde die Stilrichtung auf die übrigen Motive übertragen. Die Ergebnisse sehen wie stark tonemappte HDR-Bilder aus, technisch muss die Grenze aber sichtbar bleiben:
- Die klassischen HDR-Master wurden aus den realen RAW-Pixeln berechnet.
- Die KI-Varianten wurden generativ neu interpretiert.

Die generative KI orientierte sich an Komposition, Motiv und Stilreferenzen. Dabei kann sie Details neu erzeugen oder verändern. Das ist kein kleiner technischer Nebensatz, sondern entscheidet darüber, ob ein Bild noch dokumentarisch gelesen werden darf.
Beim Wasserfall ging die KI deutlich weiter

Die neue Wasserfallversion ist eindrucksvoll, aber keine reine Farb- und Kontrastkorrektur. Felsen, Vegetation, Wasserlauf und Bildaufbau wurden teilweise neu komponiert. Als künstlerisches Landschaftsbild funktioniert das. Als verlässliche Wiedergabe des fotografierten Ortes nicht mehr.
Für Archivierung, Reisedokumentation oder einen dokumentarischen Druck bleibt das klassische HDR aus den RAW-Dateien die Referenz. Die generative Variante ist eine kreative Interpretation und darf auch genau so auftreten.
Was ich daraus mitnehme
Der sinnvolle Ablauf war nicht, alle Dateien in ein KI-Werkzeug zu werfen. Kleine JPGs eigneten sich für Analyse und Vorauswahl, RAW-Dateien für die hochwertige Bildverarbeitung, klassische Master für die dokumentarische Grundlage und generative KI für neue Stilrichtungen.
KI ersetzt dabei weder Kamera noch RAW-Archiv. Ihr praktischer Nutzen liegt in Sichtung, Auswahl, technischer Unterstützung und kreativer Exploration. Der alte Fotobestand wird dadurch nicht automatisch zum Meisterwerk, aber wieder zugänglich und bearbeitbar.
Die wichtigste Voraussetzung ist banal: Die Originaldateien müssen noch vorhanden sein. Ein sauber aufbewahrtes RAW von 2018 lässt sich mit heutigen Werkzeugen deutlich anders auswerten als damals. Die SD-Karte war in diesem Fall weniger ein Datenträger als eine sehr langsam arbeitende Zeitkapsel.